Also nein, diese Ungarn!

Siegfried Brachfeld / Sándor Novobáczky
Glossen zweier ungarischer Journalisten aus
"Budapester Rundschau" seit 1971


Geschenke fördern die Freundschaft


"Kleine Aufmerksamkeiten fördern die Freundschaft."

So lautet ein Sprichwort, für dessen volkstümlichen Ursprung ich mich
allerdings nicht verbürgen kann. es hör sich eigentlich eher so an, als
hätte es der Werbechef einer Exportfirma erfunden. Aber das würde auch
nichts an der Wahrheit dieses Spruches ändern. Jawohl, es ist nunmal so,
"kleine Aufmerksamkeiten" erhalten und festigen tatsächlich die Freund-
schaft - und die größeren vielleicht noch mehr.... Dies alles kommt mir in
den Sinn, weil dieser Tage wieder der Bach des Fremdenverkehr zu plät-
schern beginnt, und nicht mehr lange, dann wird er - wie jedes Jahr -
zum Fluß, zum reißenden Strom anschwellen und die Dämmer durchbre-
chen.

Unzählige Ausländer kommen nach Ungarn, und ungarische Touristen fah-
ren ins Ausland, und alle haben sie Freunde dort, wo sie hinfahren. Und
falls nicht, dann werden sie bald welche haben. Diese Freundschaften
"fördert " man in der Regel durch kleine Geschenke.

Auch in Ungarn. Schauen wir uns das einmal näher an.
Nehmen wir zuerst den Fall, wo sich ein Ungarn auf Reisen begibt. Welche
Ge
schenke nimmt er mit? Das ist im Grunde überhaupt kein Problem; denn
es läßt sich mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit voraussagen, womit
sich der ungarische Reisende zu Hause eindeckt, mit einer Stange nämlich,
einer Stange Salami.
Die ungarische Salami ist weltberühmt, wird auf allen Kontinenten gern
verzehrt und hat den großen Vorteil, daß sie unterwegs nicht verdirbt und
nicht welk wird wie ein Strauß Blumen. Von Nachteil ist allein, daß sie eini-
ges wiegt und viel Platz im Koffer beansprucht. Doch ein echter Ungarn
schreckt auch vor der schwersten Salami nicht zurück. Schwenkten doch
schon die alten Ungarn zu Pferde bei ihren Streifzügen durch Europa dicke
Keulen in der Hand,
wie sollte es da ihren Nachkommen den heutigen unga-
rischen Touristen, schwerfallen, Europa mit einer Salami-Keule im Koffer
zu bereisen?

Weitere obligatorische Geschenke eines Ungarn sind: Aprikosenschnaps,
Weinbrandkirschen, Tokajer Wein sowie verschiedene Volkskunstarbeiten
wie gestickte Tischdecken, Hemden, Leibchen, Holzschnitzereien. An-
spruchsvollere Gemüter schenken anspruchsvolleren Freunden Herender
Porzellan, obwohl man dabei oft auf größere Schwierigkeiten stößt: Heren-
der Porzellan ist begehrter Exportartikel und in ungarischen Geschäften
seltener erhältlich als im Ausland.
Ich hoffe, es klingt nicht allzu überheblich, wenn ich behaupte, daß wir
Ungarn sehr gern schenken. Vielleicht liegt das unter anderem auch daran,
daß wir - mit Devisen nicht eben reich gesegnet, wie jeder weiß - wenig-
stens mit unseren Geschenken Eindruck machen wollen.

Andererseits ist es auch kein Geheimnis, daß der Ungar nicht nur gerne
schenkt, sondern nicht minder gern Geschenke entgegennimmt. Die ganze
Familie ist hocherfreut, wenn aus dem Koffer des ausländischen Besuchers
irgendeine "Aufmerksamkeit", eine kleinere oder größere Überraschung zum
Vorschein kommt.

Ich will damit keineswegs sagen, daß wir stets auf Geschenke aus sind,
doch - wie soll ich mich ausdrücken - weisen wir sie auch nicht gern zu-
rück.
Natürlich spielt es auch eine Rolle, welcher Art das Geschenk ist. Die Kin-
kerlitzchenperiode haben wir nämlich längst hinter uns, ich meine jene Zeit,
als sich unsere Landsleute für jederlei Ausschußware wie billige Kugelschrei-
ber und ähnliches zu begeistern vermochten.

Wir haben auch die Kaffee- und Teeperiode überwunden, denn diese Ko-
lo
nialwaren - im Gegensatz zu früheren Zeiten - sind bei uns kaum teurer
als anderswo und in der Qualität nicht schlechter. Die Periode folkloristi-
scher Freuden hingegen steht noch aus, das heißt, wir sind noch nicht so
weit,
um auch der edlen Leidenschaft des Sammelns ausländischer Volks-
kunstraritäten zu frönen. Nach alledem sollte ich vielleicht auch verraten,
über welche Geschenke wir Ungarn uns freuen, was unsere Freunde uns
mitbringen könnten! Aber schickt es sich denn, über soetwas zu sprechen?
  

Sándor Novobáczky