Also nein, diese Ungarn!

Siegfried Brachfeld / Sándor Novobáczky
Glossen zweier ungarischer Journalisten aus "Budapester Rundschau" seit 1971


Gift in der Schale 
 


Ungarn ist die Heimat der Maschinen, der Kaffeemaschinen.

Jedem Ausländer muß es auffallen, auch wenn er nur auf der Durchreise ist,
wie versessen die Ungarn darauf sind, sich mit extra starkem Mokka zu ver-
giften.

Noch in den dreißiger und vierziger Jahren unseres Jahrhunderts wurde Mok-
ka nur in wohlhabenden Familien genossen, nach der Mahlzeit, nach dem
Dessert. Die schwarze Brühe ist aber sowohl sprichwörtlich ("Die schwarze
Brühe steht noch aus") und heißt soviel wie: das dicke Ende kommt noch
nach, als auch historisch zu sehen, alldieweil sie zur Türkenzeit immer erst
am Ende einer Unterredung - verbunden mit den härtesten Forderungen der
Osmanen - serviert wurde.

Das aber war, wie bekannt, lange, lange vor der Zeit der vierziger Jahre.
Seither ist nämlich im Gebrauch dieses Aufputschmittels eine demokrati-
sche Erneuerung eingetreten inzwischen wird er auch von einfachen Leu-
ten genossen, ausgenommen vielleicht manchen Familien auf dem Lande,
die sehr streng auf Sitte und Tradition achten. Doch die Zurückhaltung die-
sem Gebräu gegenüber ist allerorten im Schwinden begriffen.

Der Schwarze", der Mokka doppelt so stark, wird auf dem Dorfe gebrüht.
Bevor die Bäuerin zum Melken in den Stall geht, dopt sie sich mit einem
Schwarzen".
Das Kaffetrinken hat in Ungarn, vielleicht auch wegen der historischen
Überlieferung, eine tiefere gesellschaftliche Bedeutung.
Die Ungarn konnten nämlich alle größeren historischen Erschütterungen -
und im Laufe ihrer Geschichte waren das nicht wenig nur überdauern,
wenn sie sich einen Mokka nach dem anderen brauten und in einen ange-
nehmen euphorischen Zustand versetzten.

Bei so manchem starken Mokka im Kaffehaus entstanden auch Gedichte,
Erzählungen und Romane und die noch stärkeren Kritiken darauf. Journa-
listen trinken Mokka, am laufenden Band, um ihre Gedanken klar formulie-
ren zu können, und nicht anders halten es die Leser, wenn sie diese Ge-
danken verstehen wollen.

Einem Ausländer, der Ungarn als gerngesehener Gast von Familie zu Fami-
lie weitergereicht wird, mag sein Aufenthalt als ein Nonstop-Kaffeetrinken
erscheinen, und er dürfte kaum in der Lage sein, all die feinen Nu
ancen, in
denen sich die einzelnen Kategorien des Kaffeetrinkens unterscheiden, wahr-
zunehmen.

Ich kann hier nicht alle aufzählen, will aber einige zu mindest erwähnen:

Mokka am Morgen.
Einer der intimsten Augenblicke, wenn sich der Magyare aus dem Bett hoch-
rappelt, noch völlig verschlafen die Bestandteile der Kaffeemaschine zu-
sammenklaubt und sich den ersten Schwarzen" braut. Auf wissenschaftliche
Untersuchungen stützt sich die Ansicht, daß er erst nach diesem Kaffee rich-
tig wach wird, den er noch im Zustand des Halbschlafs zubereitet hat.

Erster Mokka am Arbeitsplatz.
Damit beginnt in Ungarn defacto der Arbeitstag. Haben die Angestellten in
Beämtern und Büros ihren ersten Mokka noch nicht geschlürft, ist es unter
Umständen mit Lebensgefahr verbunden, sie in geschäftlichen Angelegen-
heiten anzusprechen oder sie gar um eine Information zu bitten!

Protokollarischer Mokka.
Was eine halbwegs begabte Sekretärin sein will versteht sich aufs Kaffee-
kochen genauso gut wie aufs Tippen und auf Steno, wobei Tippen und Ste-
no nicht unbedingt erforderlich sind; die Kunst des Kaffeekochens zu beherr-
schen jedoch ist unerläßlich, weil der Chef all seinen Gästen einen Mokka
anbietet. Das Zimmer einer Sekretärin unterscheidet sich in Ungarn inso-
fern von einem Espresso, als hier keine Musik geboten wird.

Gruppenmokka.
Dies ist die weitverbreitetste Form des Kaffeegenusses, und zwar dank der
verfassungsgemäß garantierten Versamm lungsfreiheit der Werktätigen. Je-
des Arbeitskollektiv wählt sich seinen Verantwortlichen für Kaffeezube
rei-
tung, der aus der gemeinsamen Kaffeekasse die begehrten Bohnen kaufen
geht und auch die heißer- sehnte schwarze Brühe kochen versteht. Mit dieser
Funktion wer- den stets nur unbescholtene, im Kaffeekochen erfahrene Kol-
legen (oder Kolleginnen) betraut, nachdem man sie in offener oder geheimer
Wahl (oder onisono) gewählt hat. Schließlich bliebe noch der

Ilegale Mokka.
Denn was ein richtiger Ungar ist, der kann auch bei einer Auslandsreise
nicht auf seinen gewohnten Trank verzichten, weil nämlich das, was ihm
in der Fremde als Kaffe angeboten wird, alles andere sein mag, nur eben
keine echt ungarische schwarze Brühe. Also nehmen die ins Ausand reisen-
den Ungarn ihre kleine Reisekaffeemaschine mit. Wo der Gebrauch von
elektrischen Kochmaschinen im Hotel verboten ist, brauen die Ungarn bei
Nacht und hinter verschlossener Türen Mokka, und früh am Morgen beseiti-
gen sie dann alle verdächtigen Spuren. Vielleicht hätte ich das gar nicht
erwähnen sollen, um die Hotelbesitzer unter unseren Lesern nicht hellhörig
zu machen.
Ich kann sie da nur bitten: Meine Herren, üben sie Nachsicht! Der Mokka ist
ein Ritualgetränk der Ungarn.

Sàndor Novobàczky