Also nein, diese Ungarn!

Siegfried Brachfeld / Sándor Novobáczky
Glossen zweier ungarischer Journalisten aus
"Budapester Rundschau" seit 1971


Im Restaurant  
 

Diese Überschrift hört sich nach einem Sprachführer oder gar
einem Wegweiser für gute Manieren an.

Doch ist es nicht im entferntesten meine Absicht, jemanden
eine Sprache oder richtiges Verhalten beizubringen, weil Sie
verehrter Leser, es erstens nicht nötig haben und ich zweitens
auch gar nicht dafür geeignet bin. Ich möchte einfach nur ver-
anschaulichen, wie wir Ungarn uns im Restaurant benehmen,
im Espresso, Café oder wo auch immer.

Wenn ein Ungar ein Restaurant betritt und am Eingang das
Schild mit der Aufschrift "Garderobe" erblickt, hat er nichts Ei-
ligeres zu tun, als den Mantel nicht abzulegen. Er läßt Garde-
robe und Garderobiere links liegen, begibt sich stolzen Schrit-
tes ins Restaurant und wirft dort den Mantel lässig über die
Stuhllehne. Die Garderobiere folgt ihm jedoch auf dem Fuße
und will den Mantel ansichnehmen, doch da geht der Streit
schon los:

"Ich gehe sowieso gleich wieder" oder
"Lassen Sie den Mantel da, mich friert..."
Schließlich gibt der Gast doch nach, aber er misst die Mäntelbe-
wahrerin mit einem so vernichtenden Blick, als hätte sie seine
persönliche Freiheit beschnitten. Und das ganze Theater wegen
ein, zwei Forint, werden Sie fragen?

Aber nein, keineswegs, denn unser Freund gibt im Restaurant
leichten Herzens fünfzigmal soviel aus! Es geht hier einfach da-
rum, daß der Ungar so diktatorische Einrichtungen wie die Gar-
derobe nicht erträgt. Ein Ungar legt seinen Mantel dahin, wo er
will. Himmeldonnerwetternochmal!

Doch kehren wir noch einmal zu jenem Augenblick zurück, wo un-
ser Mann das Restaurant betreten hat und sich nach einem Platz
umsieht. Nehmen wir an, es gibt zwar keinen freien Tisch, jedoch
mehrere Tische mit vier bis sechs Plätzen, wo nur eine Person sitzt.
Nun geht unser Mann aber keineswegs an einen dieser Tische und
bittet darum, Platz nehmen zu dürfen, nein er macht auf der Stelle
kehrt und verläßt das Lokal.

Denn es ist hierzulande nicht üblich, sich zu einem Fremden an
den Tisch zu setzen, hier hat nämlich jeder so seine kleinen Ge-
heimnisse.
Nur der Himmel weiß, welche. Vielleicht wartet man auf eine Da-
me, mit der man ein intimes Gespräch führen will, oder vielleicht
handelt es sich auch um Geschäfte, oder man will mit dem Tisch-
nachbarn noch einmal das Fußballspiel vom Sonntag durchgehen,
und das alle sind Dinge, die nur die zwei oder niemand anderen
etwas angehen.

Der Tisch im Restaurant ist für den Ungarn eine Art Beichtstuhl.
Fremde Ohren haben hier nichts zu suchen. Gelegentlich kommt
es auch vor, dass wir irgendwo einkehren und auf den ersten Blick
erkennen, dass beinahe alle Tische frei sind. Beim zweiten Blick
entdeckt man dann leider die Täfelchen mit der Aufschrift "Reser-
viert". Der unkundige Ausländer läßt natürlich alle Hoffnung fahren
und will es woanders versuchen.
Aber halt: Eile mit Weile!
"Reserviert" bedeutet nicht unbedingt, daß der Tisch tatsächlich
auch bestellt ist, es heißt nämlich nichts weiter, als dass der Kell-
ner das Schild auf den Tisch gestellt hat, mit anderen Worten:
Reserviert für denjenigen, der es entsprechend honoriert,
wenn das Schildchen weggenommen wird.

Und zum Schluß noch eins:
Man darf sich nicht wundern, wenn manche Kellner sich taub stellen.
Da kann man rufen, so oft und so laut man will, er reagiert einfach
nicht. In einem solchen Fall wird es sich wohl nur darum handeln, daß
unser Tisch nicht zu seinem Wirkungsbereich gehört. Was in der Welt-
politik nur ein frommer Wunsch ist - hier ist es eine sakrosankte
Praxis, die da lautet:
Misch dich niemals in die Angelegenheiten anderer!
Hier heißt das soviel wie; Kümmere dich nicht um die Tische an-
derer!

Der Kellner am Nebentisch sieht durch einen hindurch, als wäre
man aus Glas.

 

Sándor Novobáczky