Ungarn entdecken
Ungarische Gaumenfreuden
Wo und wie man noch landestypisch speisen kann
Es gibt Deutsche, bei denen ist der
Urlaub gelaufen, wenn sie auf Gran Canaria nicht ihre "heeße
Bockwurscht" und in Finnland nicht ihr Eisbein in den dortigen
Restaurants serviert bekommen. Und wenn bestimmte Österreicher
in Ungarn ihren Tafelspitz nicht auf der Speisenkarte vorfinden, glauben
sie noch immer nicht, dass die k.u.k.-Monarchie zumindest das Küchenzeitliche
gesegnet hat. Dann gibt es aber gottseidank noch die so genannten
Entdeckungsreisenden. Sie sind geradezu fanatisch darauf aus, in ihrem
Sehnsuchts-, Urlaubs-, Durchreise- oder Business-Land die Bissen zu
kosten, die dortzulande auf die Teller kommen. Wir gehen davon aus,
dass sich unsere Leserschaft hauptsächlich aus diesen Kreisen
rekrutiert und wollen Ihnen deshalb ein paar Entdeckungshilfen mit
auf dem Weg geben, mit denen Sie vielleicht dann doch noch die typisch
ungarischen Lokale mit den wirklich noch original ungarischen Speisen
finden.
Da müsste also zunächst einmal in aller gebotenen Kürze
geklärt werden, was original ungarische Speisen heutzutage sind.
Dazu gehören mindestens drei Suppen: die Gulaschsuppe (in mindestens
drei Varianten), die Fischsuppe (in unzähligen Varianten) und
die Betjarensuppe (Räubersuppe - meist variantenfrei). Bei den
Vorspeisen sollte man die Nudeln mit Quark und Speck wählen.
Für Kinder und alte Leute ist das mitunter schon ein Hauptgericht
für zwei Personen.
Aber auch eine gestopfte Gänseleber - entweder auf dem Rost gebraten
oder kalt mit blauen Zwiebelringen angerichtet - gehört zu den
echten ungarischen Gaumenfreuden.
Wenn man die feine Leber (libamáj) verinnerlicht hat, geht
man dann am besten zum gefüllten Kraut (töltött káposzta)
über, mit viel Soße (szaft) und noch mehr watteweichem
Weißbrot (kenyér).
Aber auch ein Pörkölt (was in deutschsprachigen Landen als
Gulasch durchgeht) aus Kalb, Schwein oder Lamm, mit Nockerln serviert
stillt den großen Hunger hervorragend.
Natürlich tut's auch ein saftiges Paprikahuhn (csirkepaprikás)
mit Buchweizengrütze und sauer eingelegten Gemüsesorten
(insbesondere almapaprika, der brennt nämlich zweimal).
Ganz hervorragend kennen sich die Ungarn in der variantenreichen Zubereitung
von Schweinefleisch-Gerichten (sertéshús) aus. Schließlich
war die fette Bauernküche einstmals die landestypische Verpflegung
großer Teile der Bevölkerung bis hinein in die Städte.
Dort wurden allerdings die typischen ungarischen Gerichte in den letzten
Jahren - man mag es bedauern - zunehmend entfettet (besser: entschmalzt).
Und dennoch findet man gerade in den kleineren und mittleren Lokalen
in den Städten - und noch mehr auf dem Lande - die gehaltvolle
Magyaren-Küche noch immer vor; mit einer Speisenwucht, die sich
für Diät-Hungrige allerdings kaum eignet.
Dazu gehört nämlich auch der Nachtisch. Süßes
mit Kaffee stammt hier sowohl aus der Türken- als auch aus der
k.u.k.-Zeit. Einen feinen, mit Quark oder Nuss gefüllten und
mit Schokoladensauce übergossenen Palatschinken bekommt man in
fast allen Lokalen, die sich ungarisch nennen. Und die Schomlauer
Nockerln - jene süße, aber ansonsten recht undefinierbare
Köstlichkeit - gehören ans Ende eines typisch ungarischen
Essens, wie der Wein dazu und/oder der Pálinka (Schnaps) danach
- oder/und davor.
Diese Speisenfolge ist nur eine von vielen, aber vielleicht eine der
typischsten hierzulande. Im folgenden wollen wir rasch noch ein paar
urige gastliche Stätten - Vendéglô, Étterem,
Fogadó (alle diese Bezeichnungen lassen sich sinngemäß
mit Gasthaus, Restaurant oder Kneipe übersetzen) - empfehlen,
damit die Suche nach echt ungarischen Gaumenfreuden nicht zu viel
kostbare Zeit in Anspruch nimmt und man es Ihnen zu Hause wenigstens
ansehen kann, in welchem genussvollem Land Sie geschmackvolle Tage
(doch, die gibt es, weil es ja auch geschmacklose Bemerkungen gibt)
zugebracht haben.
12 Lokale (es gibt allerdings noch mehr),
in denen man noch richtig typisch ungarisch essen kann, wobei die
Reihenfolge - diesmal - nichts besagt, denn sie sind alle irgendwie
gut:
1. Kehli Vendéglô in
Óbuda Bp. III., Mókus u. 22:
Ungarische Küche auf gehobenem Niveau, nicht selten freundliche
und flinke Kellner, angehobene Preise, gepflegte Weine, tapfer aufspielende
Zigeunerkapelle, mitunter stimmgewaltiger singender Wirt, durchweg
gutgelaunte Gäste aus aller Herren Länder.
2. Udvarház in Bánd
direkt an der Straßengabelung bei Einfahrt ins Dorf - oder eben
bei der Ausfahrt:
Uriges Lokal mit schmackhafter rustikaler Küche, Speisenkarten
kommen als große Holzbretter daher, der Kellnerton ist rauh,
bärtig, herzlich und die Preise sind ländlich.
3. Gasthof "Zur alten Weinpresse"
in Mór, Arany János u. 4:
Urgemütliches Lokal mit feinen Speisen, ausgesuchten gepflegten
Weinen aus der Region, Übernachtungsmöglichkeiten, einem
deutsch-ungarischen Wirtsleute-Paar und großer Nachfrage von
Nah und Fern.
4. Postakocsi in Óbuda Bp.
III., Fô tér 2:
Historische Schenke, wo vor 150 Jahren noch die Pferde ausgespannt
wurden, niveauvolle ungarische Gerichte, mehrsprachige aufgeräumte
Kellner, Bier aus Sachsen und Böhmen (als feuchte Verbindung
zur ehem. Poststraße, die hier vorbei führte).
5. Szép Ilona Bp. II., Budakeszi
út 1/3:
Die "Schöne Ilona" lädt zu einfachen, aber sehr
schmackhaften Gerichten in ihre ungarische gute Stube ein, Kellner-Typen
servieren beflissen, aber nicht aufdringlich, dafür humorvoll
und umsichtig.
6. Náncsi néni Bp. II.,
Ördögárok út 80:
"Tante Náncsi" gehört mit zu den typischsten
ungarischen Lokalen, das mittlerweile wieder mit einer stabilen Küche
und ehrlichen Kellnern die Gäste für sich ein- und nicht
mehr nur ausnimmt. Auch der Parkplatz vor der Tür soll nun unter
wachsamen Sicherheitsaugen stehen, so dass wir dieses Lokal hier empfehlen.
7. Somodi-Tanya Fülöpháza
bei Kecskemét:
Der Weg ist zwar etwas weiter, aber es lohnt sich, in die kleine Puszta
zum Wirt aus der Schweiz zu fahren und sich dort von einem ungarischen
Sternekoch mit authentischen Gerichten aus dem Magyaren-Lande verwöhnen
zu lassen.
8. Bugac-Csárda Am Nationalpark
Kiskunság (bei Kecskemét)
Im Dorf Bugac befindet sich diese ursprüngliche Csárda,
in der man Ungarn so entdecken kann, wie es leibt(e) und lebt(e) -
und das meist gemeinsam mit ein paar Touristenbussen, was aber die
Atmosphäre nicht unbedingt beeinträchtigt.
9. Tante Susanne Budajenô (bei
Budapest), Kossuth u. 59:
Eine gemütliches Gasthaus, in dem die ungarischen Speisen mit
leicht (donau)schwäbischem Akzent auf die gepflegten Tische kommen.
Hier treffen sich Genießer, die eigentlich nicht wollten, dass
dieses Lokal bekannt gemacht wird.
10. Obester Pension Badacsony, Római
út 177, auf dem Berg:
Das deutsch-ungarische Ehepaar hält in seiner urgemütlichen
Pension ein paar Zimmer, gute Weine in zwei untereinander liegenden
Kellern (!) sowie deftige ungarische Hausmannskost für den naturliebenden
Gast (auch mit Kind und Hund) bereit.
11. Márványmenyasszony
I., Márvány u. 6 (Nähe Südbahnhof)
Eine der vermutlich ältesten typisch ungarischen Oasen mitten
im Häusermeer der Großstadt. Der wuchtige "Bunyi"
mit seinem noch wuchtigerem Schnauzbart und herrlicher k.u.k.-Redseligkeit
serviert hier ungarische Gerichte, wie er sie auch zu Hause selbst
gern isst.
12. Kárpátia Bp. V.,
Ferenciek tere 7-8
Der neugotische Stil der Inneneinrichtung strahlt zunächst die
Vornehmheit und Erhabenheit einer Kirche aus. Doch wenn die Zigeuner
aufspielen, die nicht gerade preiswerten, aber sehr schmackhaften
Speisen von den umtriebigen Kellnern auf die Tische gebracht werden
und der Wirt sich persönlich nach dem Wohlbefinden seiner Gäste
erkundigt, dann ahnt man etwa, wie es einst in der gehobenen ungarischen
Gastronomie zugegangen sein muss.
Mit freundlicher Genehmigung des Pester Lloyd
www.pesterlloyd.net